stylistic means of expression

Die Farbigkeit als stilistisches Ausdrucksmittel 
im Werk von Irina Gerschmann

Colourfulness as stylistic means of expression 
in the works of Irina Gerschmann                              
(english text - see below)           

von Miryam Gümbel
M. A. Historikerin und Journalistin, 2008

Wer in das Atelier von Irina Gerschmann kommt, wird erst einmal überrascht, ja vielleicht verwirrt sein von der Vielfalt der Materialien, der Arbeiten, ja des gesamten Ambientes. Da gibt es Bilder in ganz unterschiedlichen Techniken, da gibt es eine Ecke, die eher an ein Modeatelier erinnert, da gibt es Materialien für Kunstwerke ganz unterschiedlicher Art – und es gibt Tische und viele Stühle, die die Künstlerin alleine gar nicht nutzen kann.

Damit sind wir mitten im Leben einer selbstbewussten jungen Frau, die in ihrer Wahlheimat Höchstadt an der Aisch ihr eigenes kreatives Talent zum Ausgangspunkt auch einer materiellen Existenz gemacht hat: im Haus der Vereine hat sie ihre eigene Kunstschule gegründet. Ihr Wissen gibt sie dort weiter und lebt gleichzeitig in der Fülle und aus der Fülle ihrer schöpferischen und gestalterischen Kraft.

Vor dem Hintergrund dieses Wissens kommt der Besucher schnell wieder zum Wesentlichen, zu der Kunst von Irina Gerschmann. In ihren Zeichnungen genügen wenige klare Striche, um eine Aussage zu formulieren. In ihrer Malerei ist es die klar definierte Flächigkeit der chromatischen Komposition, die den Betrachter intensiv anspricht. Dieses auf ihr Gegenüber Zugehen der Künstlerin ist so fordernd, dass der Betrachter antworten muss. Selbst wenn ihm das Sujet als solches weniger zusagt, ist die Aussagekraft selbst einer nahezu monochromen Arbeit, wie es etwa die „Flaschengeister" sind, so groß, dass es schwer ist, der innewohnenden Aufforderung zur Selbstkritik auszuweichen.

Detailgenauigkeit in der Zeichnung und herausfordernde Farbigkeit sind zwei wesentliche Elemente im künstlerischen Schaffen von Irina Gerschmann. In ihren jüngeren Arbeiten hat die Modedesignerin das textile Material mit dem grafischen und malerischen Können der bildenden Künstlerin verbunden. Ihre Bilder haben textile Elemente aufgenommen.

Ein Höhepunkt dabei ist ihre Textil-Collage „Der ewige Zug der jüdischen Geschichte", die in der Kronacher Synagoge zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert wird. Eine erneute Überraschung auch bei dieser Arbeit: Geblieben sind die Detailgenauigkeit und der bewusste Einsatz von Farbe. Letztere vermisst der Betrachter, der die strahlende Leuchtkraft in Gerschmanns Bildern kennt und schätzt. Zumindest auf den ersten Blick.

Die Arbeit ist dem erdverbundenen Leinenstoff entsprechend eher erdfarben. Doch immer wieder blitzen intensive Farben auf, Farbsignale, die Akzente setzten. Rot, Grün, Blau sind die Marker, die aus dem Geschehen des Bildes bestimmte Sequenzen markieren. In seidig glänzendem Stoff lenken sie den Blick bewusst auf verschiedene Stellen der jüdischen Geschichte.

Ähnlich wie im christlichen Mittelalter die „Biblia pauperum" – die Darstellung der biblischen Geschichten für Menschen, die des Lesens nicht kundig waren – fasst Irina Gerschmann mehrere tausend Jahre der Geschichte des jüdischen Volkes auf 300 mal 200 Zentimetern zusammen. Da aber die jüdische Religion immer eine Religion des Wortes war und ist, sind es nicht einfach Bildergeschichten, welche die Künstlerin erzählt. Sie verlangt dem Betrachter des Bildes einiges ab. Eine Fülle von kleinsten Bildern und eine schier unüberschaubare Menge von Namen und Begriffen sind aneinander gereiht: Von Abraham bis zu Golda Meir zeigen sie den Weg des jüdischen Volkes auf. Letztere sind noch leicht erkennbar: Bei Abraham sind es die wichtigen Elemente des von Gott als Gehorsamsbeweis verlangten Opfers, das Bildnis eines jungen Mannes, der Opferaltar und der schließlich tatsächlich geopferte Widder. Bei Golda Meir ist es ein Porträt der bekannten israelischen Ministerpräsidentin. Auf dem mehr als drei Meter langen Bild-Weg, der den über 3000 Jahre langen historischen Weg spiegelt, ist die Geschichte einschließlich der wichtigen jüdischen Gelehrten und Philosophen, Künstler und Wissenschaftler bis hin zu Einstein dargestellt. Auf Chagall wird verwiesen, indem ihn die Künstlerin mit für seine Malerei typischen Elementen ehrt. Wichtige Symbole jüdischen Lebens sind zu finden, wie die Menora, der siebenarmige Leuchter. Auch die regionale Vielfalt bis hin zu kleinen Stetl-Szenen spiegelt sich wider. Auf andere Dinge weisen nur Worte hin.

Doch zurück zur Farbigkeit. Bei der Erzählung der Geschichte ist Irina Gerschmann eine korrekte Chronistin, die nicht durch zu große Buntheit vom eigentlichen Geschehen ablenkt. Umso mehr fallen die leuchtenden roten Farben auf: klein und fast zaghaft noch bei der so wichtigen Prüfung Abrahams. Ganz massiv fallen dann drei Streifen auf, rot, blau grün.

Sie finden sich an einem wichtigen Punkt im Leben des jüdischen Volkes: Das Ende der ägyptischen Sklaverei, den Beginn der Geschichte als Volk im eigenen Land und nicht zuletzt das an Moses und das jüdische Volk auf dem Sinai gegebene Wort Gottes.

Warum aber gerade diese drei Farben? Rot ist immer ein Warnsignal. Rot weist auf die Unterdrückung durch die Knechtschaft in Ägypten hin, Grün wird weithin verbunden mit Neubeginn und Hoffnung – dem Start in das eigenständige Leben. Ein kleineres Stückchen Grün findet sich auch in dem zeitlichen Bogen der Staatsgründung Israels. Und warum blau? Hier ist es vielleicht erlaubt, ein wenig zu assoziieren – mit den Farben des Meeres, durch das das jüdische Volk zog, mit den Farben des Staates Israel, mit den Farben, die sich im jüdischen Gebetsmantel finden.

Der rote Stoffstreifen findet sich dann noch einmal, viel größer, viel beherrschender. Er steht im 20. Jahrhundert für die Schoah, den Mord an sechs Millionen jüdischer Menschen.

Wenn wir so die Bedeutung der Farbe Rot in diesem Bild von Irina Gerschmann erfasst haben, fällt auf, dass sich diese Farbe durch das gesamte Bild zieht. In einem diskreten Weinrot zwar, in unauffälligen Strichen, aber sie durchziehen das Bild ebenso regelmäßig und zurückhaltend, wie sich die Pogrome durch die lange Geschichte der Juden gezogen haben. Die Striche verletzen nur die dargestellten Personen, Häuser, Gegenstände. Sie lassen den Betrachter auf den ersten Blick genauso wenig aufschreien, wie das die nichtjüdische Umwelt der Täter getan hat – durch alle Jahrhunderte und Jahrtausende. Nur das knallige Leuchtrot der ägyptischen Sklaverei wurde auch von Außenstehenden bemerkt – und der Holocaust, der die Weltgeschichte verändert hat.

Auf diese Weise, spielend mit der Signalwirkung weniger Farben, sind die für Irina Gerschmann wichtigen stilistischen Elemente einer hohen Präzision in der Zeichnung und Strichführung und einer plakativen Farbigkeit auch in dieser Arbeit zu finden.

Miryam Gümbel
M. A. Historikerin und Journalistin

Colourfulness as stylistic means of expression 
in the works of Irina Gerschmann

Those who enter Irina Gerschmann’s studio will at first be surprised, maybe even confused by the variety of materials, of works and by the entire ambiance. There are works in completely different techniques, there is a corner which rather reminds of a fashion studio, there are materials for works of art of entirely different kinds – and there are tables and many chairs, which couldn’t all be used by the artist herself.

We have come into the life of a self-confident young woman who decided to use her own creative talent as basis for a material existence in her adopted home town Höchstadt at the Aisch river: she founded her own art school on the premises of the local club house. She passes on her knowledge and lives in the abundance of her creative and artistic powers, drawing from this bounteousness.

Against the background of this knowledge, the visitor is quickly returned to the core of the matter, to the art of Irina Gerschmann. In her drawings a few clear lines suffice to shape a statement. In her painting the clearly defined two-dimensionality of the chromatic composition intensively appeals to the observer. This manner of approaching her counterpart is so demanding that the observer is forced to answer. Even if the subject itself does not really appeal to him, the expressiveness even of an almost monochromatic work such as the "Bottled Ghosts" is so great that it is difficult to evade the inherent challenge for self-criticism.

Attention to detail in the drawing and challenging colourfulness are two of the essential elements in Irina Gerschmann’s artistic creation. In her most recent works the fashion designer has started to combine textile materials with the graphic and pictorial mastery of the artist. Her works have absorbed textile elements.

One of the highlights is her textile collage "The Eternal Trek of Jewish History" which will be on exhibition at the Kronach Synagogue for the first time. There is a new surprise included in this work as well: the attention for detail and the deliberate application of colour are uncompromised. The observer who is familiar with the brilliant luminosity of Gerschmann’s paintings may miss and lament the lack of the last. At least at first glance.

In accordance with the linen fabric, which suggests closeness to nature, the work is kept in earthy shades of brown and beige. Every now and then, though, intensive colours twinkle, colour signals that set a focus. Red, green and blue are the markers which emphasize certain sequences within the events of the work. In shining silky fabric they consciously draw one’s attention to various incidents in Jewish history.

Just like the „Biblia pauperum" in the Middle Ages – the representation of the biblical stories for those who could not read – Irina Gerschmann recapitulates several thousand years of the history of the Jewish people on the space of 300 by 200 centimetres. Due to the fact that the Jewish religion has always been a religion of the written word, the artist does not simply narrate picture stories. She asks quite a lot from the observer. An abundance of tiniest images and an almost unmanageable number of names and terms are linked to one another: they depict the path of the Jewish people from Abraham to Golda Meir. The latter are easily recognized: in the case of Abraham there are the important elements of the sacrifice demanded by God as demonstration of obedience, the image of a young man, the sacrificial altar and the ultimately de facto sacrificed ram. In the case of Golda Meir it is a portrait of the known Israeli Prime Minister. In the course of the pictorial path which is more than three metres long and depicts the historic journey that lasts over 3000 years, the history is represented including the important Jewish scholars and philosophers, artists and scientists up to Einstein. The artist refers to Chagall by honouring him with elements characteristic for his painting style. Important symbols of Jewish life can be found like the Menora, the candleholder with seven arms. Even the regional variety up to the little shtetl-scenes is depicted. To other items only words refer.

But back to colourfulness. In narrating the story, Irina Gerschmann proves to be an exact chronicler who does not divert from the actual incidents by applying too much colour. The more the bright red colours stand out: still small and almost timid at Abraham’s important ordeal. Then the three strips red, blue and green vehemently attract one’s attention.

They find themselves at a decisive point in the life of the Jewish people: at the end of the Egyptian slavery and at the beginning of the history of a people in its own country and last but not least the word of God given to Moses and the Jewish people on Mount Sinai.

But why these three colours in particular? Red is always a signal of warning. Red refers to the oppression by the thraldom in Egypt; green is generally connected to a new beginning and to hope – starting into self-contained life. A tiny speck of hope can also be found in the temporal arc of the founding of the State of Israel. And why blue? Maybe here we may play with associations a little – with the colours of the ocean which the Jewish people had to cross, with the colours of the State of Israel, with the colours which can be found in the Jewish prayer robe.

The red strip of fabric returns another time, only much bigger, much more dominant. In the 20th century it represents the holocaust, the murder of six million Jewish people.

When we have finally recognized the importance of the colour red in this work by Irina Gerschmann, we are confronted with the fact that this colour is present throughout the entire work. It is a discreet burgundy, though, with unobtrusive lines, but they pervade the composition just as constantly and noncommittal as the pogroms characterize the long history of the Jews. The lines only violate the depicted people, houses, objects. They don’t make the observer exclaim, just like the non-Jewish people surrounding the perpetrators didn’t exclaim – all those centuries and millennia. Only the loud brilliant red of Egyptian slavery was noticed by outsiders – and the holocaust, which forever changed the history of the world.

Thus, playing with the signalling effect of a few choice colours, the important stylistical elements of high precision in drawing and curvilinear mark-making and striking colourfulness characteristic for Irina Gerschmann can also be found in this work.

Miryam Gümbel
M. A. historian and journalist

 

 
 
© Irina Gerschmann
 

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