Johannes der Täufer

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Bild Nr. 3480, 120 x 80 cm, Acryl auf Leinwand, 2009

In ihrem Gemälde Johannes der Täufer arrangiert Irina Gerschmann nackte Menschen in unterschiedlichen Situationen und Haltungen in einem kubistisch-ornamentalen Farbfeld in kühlen Blautönen. Männliche und weibliche Akte reihen sich dynamisch auf mehreren Bildebenen und präsentieren eine große Bandbreite menschlicher Existenzen und Befindlichkeiten – eine Schwangere, eine Mutter mit ihrem Kind, ein an Chagall erinnerndes, schwebendes Liebespaar, Momente selbstvergessener Autoerotik, lasziver Exhibitionismus, introvertierte Verzweiflung, dynamische Interaktion. Der Hautton der mit schwarzer Farbe ausdrucksstark umrandeten Figuren reicht von bläulich-kühler Andeutung über frische gelbliche Akzentuierung zu warmen rötlichen Reflexen, welche die Sinnlichkeit der jeweiligen Figuren unterstreicht und mit der kühlen Gesamtstimmung des Gemäldes kontrastiert. Mit der ihr eigenen Liebe für expressive Körperlichkeit skizziert Gerschmann ein modernes Dramatis Personae, in dem sich der Betrachter wiederfinden kann.

In dieses Tableau nackter Körper, das darüber hinaus an die Tradition der Weltgerichtsbilder erinnert, inseriert Gerschmann Leonardo da Vincis wohlbekannte Interpretation des Heiligen Johannes, der mit ironisch-distanziertem Lächeln in geheimnisvoller Geste den Himmel weist. Gerschmann akzentuiert diese Geste durch flammengleich lodernde Farbakzente in rot und gelb, welche die oben erwähnten rötlichen Reflexe auf den Johannes umgebenden Aktfiguren und auf Johannes‘ Haar und Gesicht bewirken. Dieses Feuer erinnert an den heidnischen Brauch des Johannisfeuers, welches seit dem 12. Jahrhundert anlässlich der Sommersonnwende, die dem Geburtsfest des Heiligen vorausgeht, umtanzt und umsprungen wird. Tatsächlich umringen einzelne Figuren Johannes den Täufer und damit das angedeutete Sonnwendfeuer in einer Art dynamischem Zirkel, welcher wiederum an die Sünder der Wollust in Dantes Inferno gemahnt, die bis in alle Ewigkeit dazu verdammt sind von Wirbelstürmen getrieben zu werden.

Die Assoziation Johannes des Täufers mit der Thematik des Jüngsten Gerichts ist keineswegs eine Neuerung – ist doch der Bußprediger mit dem Lamm ein tradiertes Attribut in Weltgerichtsbildern. Gerschmanns Wahl der vorherrschend blauen Farbe verweist auf Johannes‘ Mahnung zur Umkehr durch die Wassertaufe. Die laszive Erotik der dargestellten Akte ist nicht nur eine adäquate Anspielung auf das kommende Endgericht, sondern erinnert auch an die historisch überlieferten Ereignisse, die zu Johannes‘ Festnahme und Enthauptung führten: Johannes hatte den Ehebruch des Königs Herodes öffentlich angeprangert.

Gerschmanns Adaption dieser Thematik ist auch hinsichtlich ihrer eigenen Religion interessant: Das Johannesevangelium gehört zwar in die Welt des Hellenismus, ist jedoch stark vom jüdischen Milieu geprägt. Vielmehr noch rekurriert die Tradition der Wassertaufe, die untrennbar mit Johannes verbunden ist, auf die rituellen Waschungen der Juden.

Wären nicht der Titel und Leonardos dominante Figur des Täufers könnte das Gemälde als geschmackvolle, dynamische Komposition unterschiedlicher Akte gelten. In dieser für unsere heutige Zeit unerwarteten Kombination regt es jedoch zum Nachdenken an. Gerschmanns Gemälde verbildlicht eindrucksvoll die messianische Taufe mit „Heiligem Geist und Feuer“, parodiert aber gleichzeitig die Tradition der Heiligendarstellung und des Jüngsten Gerichts. Ohne mahnende Warnung macht Gerschmann mit diesem Gemälde darauf aufmerksam, wie schmal letztlich der Grat zwischen Wonne und Sünde in unserer heutigen Gesellschaft ist – mit einem rätselhaften Lächeln.

Oktober 2009

Kerstin F. Blum
MA Komparatistik/ Comparative Literature
Otto-Friedrich-Universität Bamberg/ University of South Carolina

 

 

 

 
 
© Irina Gerschmann
 

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