the eternal trek of jewish history

„Der ewige Zug der jüdischen Geschichte"

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im Haus der Kunst München. 2009   

"The Eternal Trek of Jewish History" (english text - see below)

   
Fragment
Ägypten, Exodus...
Egypt, Exodus

 Textil-Collage
„Der Ewige Zug der jüdischen Geschichte"
"The Eternal Trek of Jewish History"
2008
300 x 215 cm
Leinentuch, Leder, Jacquardstoffe, Garne, Bänder und Kordel, Metall-, Holz- und Glasknöpfe, Tusche, Acryl
Linen, jacquard strips, leather, braided cords, metal and crystal buttons, indian ink, Acryl
Bild. Nr. 6025
Fragment
Babylon, Assyren, Persien, Mittelalter
Babylon, Assyrians, Persia, Middle Ages

 Fragment mit Einstein  
Fragment
Schoa (Holocaust).

Leben im Schtetl – Kleinstadt-Gemeinden in Osteuropa. Marc Chagall. Levi Strauss. Ellis Island, New York. Synagoge in Worms, 1034. Synagoge „Staranova" in Prag, um 1300. Maimonides – bedeutendster jüdischer Gelehrter des Mittelalters. Kronacher Synagoge. Scholem Aleichem (1859-1916) –Schriftsteller ("Anatevka"). Theodor Herzl (1860-1904).Schoah. Albert Einstein. Golda Meir - die erste Premierministerin Israels. Landkarte von Israel. Eliezer ben Jehuda Autor des ersten modernen hebräischen Wörterbuchs.

Familienwagen: Erinnerungen an Großeltern und an die Kindheit der Künstlerin in Odessa. Schrift auf Rädern: Städte in Osteuropa. Die Motive des Gartens Eden (oben links) wiederholen sich in dem gewünschten Heim (weltliche Ankunft).
Mitte des Bildes, oben: Namen bedeutender Persönlichkeiten der Weltkultur. Schwarze Lederstreifen –Gebetsriemen Tefillin. Die Motive des Gartens Eden wiederholen sich in dem gewünschten Heim in der Mitte (spirituelle Ankunft). Der Kreis schließt sich.

„Der ewige Zug der jüdischen Geschichte"

Die Erforschung der eigenen Identität ist ein grundlegendes Thema der Kunstgeschichte, das in einer Gesellschaft, die vom Begriff der Globalisierung geprägt ist, stetig an Bedeutung gewinnt. Das Bewusstsein, einem Kulturkreis anzugehören, der auf eine über 3.000-jährige Geschichte voller Glanz und Elend, Hoffnung und Verzweiflung zurückblicken kann, wirkt verbindend und identitätstiftend.

Die Collage „Der ewige Zug der jüdischen Geschichte" ist der Versuch diese Geschichte in ihrer Gesamtheit in eine individuelle visuelle Sprache zu übertragen. Die großformatige Stoff-Collage zeigt in dicht aufeinander folgenden szenischen Darstellungen bedeutende Stationen der jüdischen Geschichte von den Ursprüngen bis heute, von der Zerstreuung in die Diaspora bis ins 21. Jahrhundert. Kaleidoskopartig werden Schlüsselszenen aus historischen Ereignissen, von Riten und Bräuchen zitiert und künstlerisch im Stil der einzelnen Epochen interpretiert.

Namen und Portraits bedeutender Persönlichkeiten der Weltkultur aus Kunst, Musik, Literatur, Philosophie und Religion, Wirtschaft und Technik verschmelzen zu großflächigen Bildeinheiten, die vom Betrachter als abstraktes Formenspiel erlebt – oder aber als informativer Bild-Textfluss entschlüsselt werden können.

Zitate, Illustrationen und Interpretationen verbinden sich durch den sensiblen Einsatz der unterschiedlichen Stilelemente und die Verwendung verschiedener, jedoch präzise aufeinander abgestimmter und sich ergänzender Abstraktionsebenen zu einer großen, narrativ-ästhetischen Einheit, die trotz der ungeheueren Dynamik der dargestellten historischen Ereignisse und der enormen Dichte von Fakten und Personen eine konzentrierte formale Geschlossenheit und eine konsequente Kontinuität der jüdischen Geschichte vermittelt.

Die Grundlage der Collage bildet grober Leinenstoff als Symbol für die Entstehung der Welt. Stoff- bzw. Lederstreifen leiten und begleiten den Blick des Betrachters durch die zeichnerisch-malerisch illustrierten Episoden der jüdischen Geschichte und sind so aufgebaut, dass sie bewusst oder unbewusst an religiöse Symbole erinnern. Rote- bzw. terrakottafarbene Lederstreifen symbolisieren den historischen Lebensraum der Wüste Sinai, schwarze den Tallit und den Gebetsriemen Tefillin. Die geknoteten Kordeln in der Bildmitte zitieren die Schaufäden des Gebetsmantels. Sie veranschaulichen die Einheit des jüdischen Volkes und erinnern mit ihren Knoten an die fünf Bücher Mose.

Geblümte, aneinander genähte Jacquardstoff-Streifen versinnbildlichen die profanen alltäglichen Geschäfte, während die mit geometrischen Mustern versehenen, an das spirituelle, das Traditionen bewahrende- und lehrende Judentum erinnern. Der geblümte Jacquardstoff, dessen Muster inspiriert ist von der Idee des „Garten Eden" (oben links) als Sinnbild für ein erfülltes religiöses Leben, wiederholt sich motivisch im Traum des ersehnten irdischen Heims (oben rechts) und dem Ort spiritueller Ankunft (Mitte). Die Sehnsucht nach einem Heim, die sich kontinuierlich durch die gesamte Geschichte des Volkes Israel zieht, ist zentral für die Collage und symbolisiert sowohl den Anfang und das Ende der irdischen Reise, als auch den Aspekt der Unendlichkeit.

Hier schließt sich der Kreis und der Blick des Betrachters wird auf die Gesamtkonzeption gelenkt. Die Collage erzählt in kleinen Episoden Einzelheiten der vielfältigen Geschichte, verliert aber dabei das große Bild nicht aus den Augen. Die Gesamtkomposition erinnert in ihrer Form an die Arche Noah. „Der ewige Zug der jüdischen Geschichte" wird zu einem Schiff in Bewegung, das vom Garten Eden ausgehend ewig auf der Suche nach dem neuen Heim die Weltmeere befährt.

Der Betrachter kann sich ganz in die bildnerisch dichte erlebnis- und inhaltsreiche künstlerische Schilderung vertiefen und in den präzisen Bildmontagen vielfältiger historischer Ereignisse, die sich fließend zu einer logisch ineinander greifenden Narration ergänzen, verlieren. Die Technik der Materialcollage, mit ihrem Spiel von groben und feinen, harmonischen und zerstörten Strukturen, betont jedoch die Materialität und damit den Wirklichkeitsbezug des Werkes anschaulich und führt sowohl das kollektive Schicksal des jüdischen Volkes innerhalb des großen Weltgeschehens eindrücklich vor Augen, als auch den Stellenwert und die Bedeutung der einzelnen Mitglieder der Glaubensgemeinschaft.

"The Eternal Trek of Jewish History"

The exploration of one’s own identity is a fundamental subject of art history, which in a society that is shaped by the idea of globalization is constantly gaining importance. The awareness of being part of a cultural group that can look back on a history of over 3,000 years has a connective effect and confirms one’s identity.

The collage „The Eternal Trek of Jewish History" attempts to translate this history in its entirety into an individual visual language. The large-sized textile collage shows important milestones of Jewish history from its beginning until today, from its dispersion in the Diaspora up to the 21st century. Key moments from historic incidents, from rites and traditions are cited kaleidoscopically and interpreted artistically in the style of the individual epochs.

Names and portraits of important figures of our global culture from the arts, music, literature, philosophy and religion, the sciences and technology are fused to extensive image-units that can be experienced as abstract play of forms – or can be deciphered as informative flow of image and text.

Quotations, illustrations and interpretations conjoin through the sensitive employment of various elements of style and by using different levels of abstraction, which are precisely harmonized and complement each other to form a great narrative-aesthetical unity, which manages to purvey a concentrated formal consolidation and consistent continuity of Jewish history.

The base of the collage is a coarse linen fabric as symbol for the formation of the world. Fabric or leather strips guide and accompany the observer’s glance through the graphic-pictorially illustrated episodes of Jewish history and are organized in such a way that they consciously or subconsciously remind of religious symbols. Leather strips in red or terracotta symbolize the historic habitat of the Sinai Desert, those in black symbolize the tallit and the tefelin. The knotted cords in the middle of the work quote the fringes of the prayer robe. They represent the unity of the Jewish people and the five knots remind us of the five books of Moses.

Flowered strips of jacquard fabric, which have been sewn together, symbolize the mundane business of everyday life, while those with geometrical patterns recall spiritual Judaism, preserving and teaching traditions. The motif of the flowered jacquard fabric, whose pattern is inspired by the idea of the Garden Eden (top left) as allegory for a fulfilling religious life, is repeated in the dream of the desired earthly home (top right) and in the place of spiritual advent (middle). The longing for a home, which is present throughout the entire history of the people of Israel, is central for the collage and symbolizes the beginning as well as the end of the earthly journey, but also the aspect of infinity.

Here we come full circle and the viewer’s gaze is directed towards the general concept. In short individual episodes, the collage narrates details of the manifold history without ever letting out of sight the big overall picture. The general composition of the collage seems to take the shape of Noah’s Ark. Thus "The Eternal Train of Jewish History" turns into a ship in movement, which, starting from the Garden Eden, eternally sails the seas and oceans in search for the new home.

The observer may delve deeply into the visually dense artistic description, which is rich in experiences and content and become lost in the precise montage of images from a multiplicity of historic incidents that complement one another to a logical interlocking narration. The technique of the material collage, though, with its play of coarse and fine, harmonious and destroyed structures, graphically emphasizes the work’s materiality and thereby its relation to reality, demonstrating impressively the collective fate of the Jewish people within the bigger context of world history, as well as the importance and meaning of the individual members of the Jewish community.

Kerstin F. Blum
MA Komparatistik/ Comparative Literature
Otto-Friedrich-Universität Bamberg/ University of South Carolina

 

 
 
© Irina Gerschmann
 

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